Training der Koordination in den verschiedenen Altersstufen

Training der Koordination in den verschiedenen Altersstufen

Gute koordinative Fähigkeiten sind Voraussetzung für das Erlernen, Verfeinern, Stabilisieren und Anwenden sportlicher Techniken und das ökonomische Ausnutzen konditioneller Fähigkeiten. Das beste Lernalter stellt dabei das Kinderalter dar. Die koordinativen Fähigkeiten sind im Kindertraining gerade spielerisch gut zu schulen und sie müssen auch viel berücksichtigt werden. Sie sollten auch mit dem Technik- und Konditionstraining gekoppelt sein. Im Jahresverlauf steht das koordinative Lernen jedoch im gesamten Kindesalter absolut im Vordergrund. Die konditionellen Eigenschaften werden im Techniktraining oder „nebenbei“ entwickelt.

Schulung der koordinativen Fähigkeiten im Kindes- und Jugendalter

Nach dem Entwicklungsstufenmodell von Grimm (1966), Kirchmair (1971) und Martin (1980) unterscheidet man folgende „durchschnittliche“ Altersstufen:

  1. Gestaltungswandel
    • Vorschulalter – 3. bis 7. Lebensjahr
    • Frühes Schulkindalter – 1. bis 3. Schuljahr
    • Spätes Schulkindalter – 3./4. bis 5./6. (Mädchen) bzw. 3./4. bis 6./7.Schuljahr (Jungen)
  2. Gestaltungswandel
    • Pubeszenz – 5./6. bis 7./8. (Mädchen) bzw. 6./7. bis 8./9. Schuljahr (Jungen)
    • Adoleszenz – 7./8. bis 10./11. (weibliche Jugend) bzw. 8./9. bis 11./12. Schuljahr (männliche Jugend)

Schulung der koordinativen Fähigkeiten im Vorschulalter

Mangelhafte Koordination ist meist nicht auf unzureichende Anlagen, sondern auf unzureichende Förderung in frühen Lebensjahren zurückzuführen. Daher ist es dringend notwendig, möglichst frühzeitig diese zu entwickeln, wobei es eigentlich kein zu früh gibt, sondern lediglich unzulängliche, d.h. dem Entwicklungsstand der Kinder noch nicht ausreichend angepasste Methoden.

Folgende Prinzipien sollten demnach beachtet werden:

  • Erlernen einer Vielzahl von relativ einfachen Bewegungsformen
  • Gezielte Erweiterung der Bewegungsschatzes
  • Vielseitige und variationsreiche Aufgabenstellungen
  • Erlernen von Alltagsbewegungen, Rumpfsteuerungen und langsamen Simultanbewegungen

Schulung der koordinativen Fähigkeiten im frühen Schulkindalter

In diesem Altersbereich besteht eine ausgeprägte Möglichkeit, die koordinativen Fähigkeiten zu entwickeln. Allerdings ist diese hohe Lernfähigkeit – sie erfährt in der nachfolgenden Phase eine nochmalige Steigerung – nicht mit einem entsprechendem Vermögen verbunden, das Gelernte auch dauerhaft zu behalten. Diese mangelnde „Merkfähigkeit“ erfordert in dieser Altersstufe eine mehrfach wiederholtes Üben, um eine Stabilisierung zu gewährleisten.

Das frühe Schulkindalter kann nach Hirtz (1976) und Stemmler (1977) als intensives Entwicklungsalter für die Vervollkommnung dieser Fähigkeiten bezeichnet werden:

  • Sportliche Reaktionsfähigkeit
  • Räumliche Differenzierungsfähigkeit bei hochfrequenten Bewegungen
  • Koordinationsfähigkeit unter Zeitdruck

Jungen und Mädchen

  • Gleichgewichtfähigkeit und Geschicklichkeit

Mädchen

Nicht zu vergessen ist dabei aber, dass diese Fähigkeiten v.a. in Zusammenhang mit einfachen Bewegungsformen erlernt werden sollen.

Schulung der koordinativen Fähigkeiten im späten Schulkindalter

Der sich vollziehende Abschluss der motorischen Hirnreife, eine verbesserte Wahrnehmungsfähigkeit und Informationsverarbeitung sowie günstige Hebel-Kraft-Verhältnisse und das geringe Körpergewicht führen dazu, dass diese Phase das beste Lernalter darstellt. Fast alle koordinativen Fähigkeiten erleben hier die besten Zuwachsraten. V.a. ist dieses Alter gekennzeichnet durch eine Verbesserung der:

  • motorischen Steuerungsfähigkeit
  • Kopplungsfähigkeit
  • räumlichen und zeitlichen Differenzierungsfähigkeit
  • Reaktionsfähigkeit
  • Rhythmusfähigkeit

Kinder lernen hier auf Anhieb! Dies ist umso ausgeprägter entwickelt, je feiner, genauer und vielfältiger die Kinder ihr Bewegungskönnen entwickeln konnten, d.h. je größer ihr bis dahin erworbener Bewegungsschatz ist.

Schulung der koordinativen Fähigkeiten in der Pubeszenz

In diesem Abschnitt erfährt die Schulung der koordinativen Fähigkeiten eine Art Stagnation. Verantwortlich dafür ist hauptsächlich eine Veränderung der Proportionen (vorwiegend Extremitätenwachstum). V.a. Bewegungen, die eine höhere Genauigkeit und entsprechende Feinsteuerung erfordern erleiden dabei einen Qualitätsverlust. Zudem verbessern sich in der Pubeszenz die konditionellen Fähigkeiten enorm, was bedeuted, dass sich die koordinativen Fähigkeiten dem erst anpassen müssen. Im Einzelnen wären dies:

  • Differenzierungsfähigkeit: Aufgrund der Geschlechtsreife kommt sie hier zur Stagnation; allerdings ist sie durch intensives Training aufzuheben
  • Orientierungsfähigkeit: stagniert bis zum 13.Lebensjahr
  • Gleichgewichtsfähigkeit: stagniert
  • Reaktionsfähigkeit: stagniert
  • Rhythmusfähigkeit: zeigt vom späten Schulkindalter an keine Zuwachsraten mehr
  • Kopplungsfähigkeit: stagniert

Als Konsequenz für das Training sollte die weitere Verbesserung und Festigung von einfachen, regelmäßig geübten und schon sicher beherrschten Bewegungen im Vordergrund stehen.

Schulung der koordinativen Fähigkeiten in der Adoleszenz

Insgesamt gesehen stellt die Adoleszenz nochmals eine Periode guter Lernfähigkeit dar. Die oben genannten Gründe für die Stagnation in der Pubeszenz gleichen sich wieder aus, so kommt es zu einer allgemeinen Stabilisierung von bereits beherrschten Fähigkeiten, sowie zu einer weiteren Verbesserung der:

  • Steuerungsfähigkeit
  • Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit
  • Kopplungsfähigkeit
  • Orientierungsfähigkeit: erlebt ab dem 13. bis zum 16. Lebensjahr einn Entwicklungsschub
  • Reaktionsfähigkeit: ab dem 16.Lebensjahr nochmals ein Leistungsschub

Zusammenfassung

Insbesondere im Zusammenhang mit der sportartspezifischen Technik und dem Techniktraining kommt einer gut entwickelten allgemeinen und speziellen Koordinationfähigkeit eine hohe Bedeutung zu.

Bei gut koordinierten Bewegungen führt das gute Zusammenspiel zwischen Nerven- und Muskelsystem zu flüssigen und harmonischen Bewegungsverbindungen. Der Krafteinsatz ist ökonomisch und rund.

Daher ist es in hohem Maße erforderlich, die koordinativen Fähigkeiten in den Etappen Grundausbildung und Grundlagentraining zu schulen, auch aufgrund der hohen Zuwachsraten der Ausprägungsgrade insbesondere im frühen und späten Schulkindalter.

Zusammengefasst noch mal die wichtigsten Ergebnisse:

  • Differenzierungsfähigkeit → rascher Anstieg im frühen und späten Schulkindalter mit wenig geschlechtsspezifischen Unterschieden
  • Rhythmusfähigkeit → starke Entwicklung im frühen und späten Schulkindalter, zum Ende des späten Schulkindalters besonders bei Mädchen
  • Orientierungsfähigkeit → stetiger Anstieg, besonders stark während des frühen Schulkindalters
  • Gleichgewichtsfähigkeit → besonders gute Entwicklung am Ende des Vorschulalters und im frühen Schulkindalter
  • Reaktionsfähigkeit → höchste Zuwachsraten im frühen Schulkindalter; bei Mädchen auf niedrigerem Niveau
  • Kopplungsfähigkeit → insbesondere gut trainierbar im späten Schulkindalter und nochmals in der Adoleszenz

Abb. 1 zeigt die schwerpunktmäßige Vervollkommnung koordinativer Fähigkeiten im Sportunterricht der Klassen 1-10 (in Anlehnung an Hirtz 1978, 343)

Balance
© Nicole Effinger – Fotolia.com
Schuljahr
Koordinative Fähigkeiten 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Kopplungsfähigkeit
Differenzierungsfähigkeit
Reaktionsfähigkeit
Rhythmusfähigkeit
Orientierungsfähigkeit
Gleichgewichtsfähigkeit
Kopplungsfähigkeit
Differenzierungsfähigkeit
Reaktionsfähigkeit
Rhythmusfähigkeit
Orientierungsfähigkeit
Gleichgewichtsfähigkeit
Michi SchuppkeDieser Artikel wurde am 18.Juni 2010 von geschrieben. Mehr über Michi Schuppke: Studiert habe ich Diplom-Sportwissenschaften mit Schwerpunkt Leistungssport an der Technischen Universität München. Schon Studienbegleitend habe ich diverse berufsbegleitende Praktika und Honorartätigkeiten absolviert – der Höhepunkt war die knapp einjährige Tätigkeit als Honorartrainer beim Bayerischen Fußball Verband...


5 Antworten: “Training der Koordination in den verschiedenen Altersstufen”

  1. Thainavid sagt:

    Danke fuer die guten informationen,
    denn mein sohn 4,5 jahre lernt seit 3 monaten thaiboxen mit rasanten fortschritten,d.h spagat perfekt hohe spruenge und tritte sparing mit box und beineinsatz etc.
    in einer sportschule in thailand einzeltraining von 2 lehrern (canada und thailand)beide haben diplom fuers lehren dieses sportes. training ist 4x2stunden wochentlich wie folgt: 1400meter jogging dannach ca 200x seilspringen dann arm+beintechnick sparing zum schluss koordination in verbindung mit spielen,,
    es macht ihm viel spass kein familierer druck,,ist das ok oder sollte man bremsen??als ausgleich spielt er klavier wird hier auch gelehrt..

    danke
    mfg sichting

  2. Hallo,

    natürlich ist dies ein sehr umfangreiches Programm für ein Kind mit fast 5 Jahren. Körperlich ist dies aber kein Problem, die Kinder gewöhnen sich an die Belastung. Aber man muss schon aufpassen, speziell bei den 200 Seilsprüngen. Diese stellen meiner Meinung nach schon eine hohe Belastung für die Gelenke dar, Wenn diese wirklich jeden Tag durchgeführt werden.
    Aber das Wichtigste ist, dass er dabei Spaß hat. Solange er gerne und freiwillig hingeht, sehe ich kein größeres Problem. Dann macht es ihm Spaß und die tägliche Trainingsbelastung steckt er somit auch locker weg. Sobald sie ihn zwingen müssen, zum Training zu gehen, müssten man mal eine Pause einlegen. So dass hinterher wieder die Lust auf den Sport groß ist. Denn man darf nicht vergessen, dass er 4x die Woche trainiert. Eben ein hoher Umfang, von welchem man mal eine Pause braucht. Jeder Sportler braucht das. Gibt es denn bei dem Training bzw. in dieser Sportschule eine Pause (ähnlich wie Sommerpause im Fußball) oder trainieren die Kinder das ganze Jahr durch?

    Mit freundlichen Grüßen

    Michi Schuppke

  3. sichting jens sagt:

    hi,
    danke fuer Ihre beruhigende antwort,
    pausen hat er bei spontanen urlaub phuket oder deutschland fahrten. wir waren z.b. 12.12.2010 bis 9.1.2011 auf weihnachtbesuch deutschland..
    seilspringen wird ab jetzt reduziert da er schon bei 400x ist..
    es ist privatunterricht der pro stunde 5euro kostet und trainingspausen gibt es nicht..
    meine sorge ist wenn er mit 7jahren nach deutschland kommt eine sportgemeinschaft zu finden wo auf so hohen lebel weitertrainieren kann..

    nochmals danke und ein erfolgreiches jahr 2011 wuenscht familie

    sichting

  4. [...] Wie trainiere ich Koordination in den verschiedenen Altersstufen? [...]

  5. Brooki sagt:

    Hallo Herr Schuppke!

    Sie sprechen immer vom Spaß bei den Kindern und der Freiwilligkeit zum Training zu gehen. Ich stimme Ihnen zu, dass sollte heute selbstverständlich sein.
    Allerdings sind Kidner im Alter von z.B. fünf Jahren lustgesteuert und wenn ich sie frage, was sie denn machen wollen, erhält man in der Regel Antworten von Fußball bis “Free climbing”….ich meine damit, dass das die Regelmäßigkeit des Trainings oder Spiels nicht mehr gegeben ist, wenn ich dem Lustprinzip ständig nachgebe…im übrigen kann es dann auch sein, dass die Lust auf Fußball, wenn sie dann eintritt nicht befriedigt werden kann, weil keine Trainingszeiten angeboten werden oder andere Möglichkeiten nicht verfügbar sind.

    Bei meinem Sohn (5) habe ich festgestellt, dass er ganz oft keine Lust hat zum Training zu fahren und tlw. auch “Theater” (u.a. auch Weinen)aufführt, um nicht zu fahren. Ich lasse mich auf diese Diskussionen eigentlich nicht mehr ein und entscheide für ihn. Wenn er aber denn mittrainiert, will er gar nicht mehr aufhören. Konkret heißt das, dass ich als Vater doch sehr wohl für das Kind eine Vorentscheidung treffen muss und die Lust und denn Spaß durch Konsequenz “wecken” muss…
    Auch wenn es sich widersprüchlich anhört.

    Abschließend großes Kompliment für Euer gesamtes Engagement “DVD, Schule und Trainingslehre”!

    Viele Grüße
    Brooki

  6. Hallo Brookie69,

    generell kann ich Ihre Bedenken gut nachvollziehen. Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen ja auch nur um die psychische Belastung. Denn körperlich ist dies natürlich überhaupt kein Problem.

    Zur Psyche: Ich finde auch wie Sie, dass es mittlerweile für die Kinder zu viel organisierter Alltag ist und zu wenig Freiräume gibt, so wie Sie und Ich es auch in unserer Kindheit hatten. Aber bevor es zu einer psychischen Überlastung kommt, muss bei Kinder doch viel passieren. Die sind in diesem Alter ziemlich schmerzfrei. Aber klar: Langfristig gedacht, muss man aufpassen.

    Daher finde ich: Das Organisierte ist so wie es ist. Das ist unsere Gesellschaft, so ist dies nun mal. Daher ist es wichtig, dass die Inhalte gut sind. In Ihrem Sinne viel Spaß, wenig Druck etc. D.h. der Freiraum wird so “künstlich erzeugt”, die Kinder merken fast gar nicht, dass Sie organisiert Fußballspielen. Das sit schwierig aber möglich. Ich selbst handhabe es mit meinen 4-6 Jährigen auch so. Viel Spaß, viele Kinderspiele mit Ball, der entsprechende Trainerton und schon lieben die Kinder es. Wenn das der Fall ist, dann passt alles. Dann muss man sich eigentlich auch keine Gedanken machen.

    Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig weiterhelfen.

    Viele Grüße

    Michi

Einen Kommentar schreiben